Romantisches Drama

Leseschnipsel: 

Die Zeit verstrich.
Nach und nach nahm er seine Umgebung wieder wahr. Er lag immer noch in der Küche. Ihm war übel. Er schmeckte Säure und roch das Erbrochene vor ihm. In seinem Kopf hämmerte es.
Er versuchte, sich zu bewegen, vielleicht auch aufzustehen, doch sein ganzer Körper schmerzte unerträglich. Angestrengt versuchte er, mehr Luft in seine Lungen zu bekommen, versuchte, die stechenden Schmerzen in seiner Rippengegend bei jedem Atemzug zu ignorieren.
Endlich gelang es ihm. Er griff nach der Arbeitsplatte und zog sich vorsichtig nach oben. Um sicherer zu stehen, lehnte er sich gegen die Küchenzeile.
Er zitterte. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass sich von nun an alles ändern würde. Nichts würde mehr so sein, wie es vorher gewesen war. Sein Leben war vorbei.
Wie viele wussten es schon? Sollte er überhaupt noch am Leben sein? Oder würden sie zurückkehren und beenden, was sie angefangen hatten? Und was sollte er tun?

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Langsam hob er seinen Kopf. Der Schmerz war kaum zu ertragen. Aber irgendwo musste er hier noch Tabletten haben. Seine Schultern protestierten, als er die Arme hob, um sich ein Glas aus dem Küchenschrank zu nehmen. Und noch einmal, als er das Gleiche bei dem Medizinkästchen daneben tun wollte.
Er schaffte es gerade so. Die Tränen, die ihm über sein Gesicht liefen, nahm er kaum wahr. Er füllte das Glas an der Spüle mit Wasser. Zuerst musste er diesen widerlichen Geschmack im Mund loswerden. Er spülte seinen Mund und spuckte das Wasser danach aus.
Blut und kleine Stückchen einer vorigen Mahlzeit, die er in einem anderen Leben zu sich genommen hatte. Er wiederholte die Prozedur, bis das Glas leer war, befüllte es erneut und nahm dann eine Tablette, von der er hoffte, dass sie seine Schmerzen lindern würde.
Doch so einfach würde es natürlich nicht werden. Sein Körper würde heilen können, aber seine Seele, mühsam durch Unterdrückung und Verleugnung zusammengehalten, konnte nicht mehr heilen.
Perverses Schwein!
Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dich nicht mal mehr selbst anfassen wollen!
Los, zeigen wir ihm, wie abartig er ist!
Pack richtig zu, er soll wissen, wie sehr es wehtut!
Er kniff die Augen fest zusammen. Übelkeit stieg brennend und ätzend in ihm auf und er erbrach sich erneut.
Er schluchzte, das Zittern war noch stärker geworden. Die Schmerzen nahmen ihm fast erneut das Bewusstsein.
Sollte es so enden? Wollte er es selbst so enden lassen? War es das, was Menschen wie er verdient hatten?
Sein Herz schlug kräftig in seinem Brustkorb. Aus Angst, aus Wut, aber auch, weil sein Körper leben wollte. Doch dazu musste er handeln. Es war ausgeschlossen, dass er bleiben konnte. Seine ganze Familie war bestimmt informiert, sein Arbeitgeber vermutlich auch. Sie würden gründlich sein, da war er sich sicher. Und wenn sie nur halb so gründlich waren wie bei ihm, würden die Folgen untragbar sein.
Er entschied sich, eine weitere Schmerztablette zu nehmen, die anderen konnte in der kurzen Zeit noch nicht großartig gewirkt haben.
Weiteratmen und langsam weitermachen. Vielleicht konnte er es schaffen. Der Plan, den er vor einem Jahr für diesen Notfall entwickelt hatte, konnte er umsetzen, wenn er sich zusammenriss. Es war zu schaffen. Auch wenn er sich damals vorgestellt hatte, wie er alles in Windeseile zusammenpacken und wegfahren würde. Er hatte sich nie vorgestellt, was passieren würden, wenn sie ihn vorher erwischten. Was sie zu tun bereit wären.
Allmählich klarte der Nebel in seinem Kopf auf. Er nahm seine Umgebung das erste Mal seit seiner Rückkehr deutlich wahr. Und mit ihr auch seine nasse Hose. Er vermied es, an sich herunterzusehen. Stattdessen griff er zu seinem Smartphone.
Der Bildschirm war gesplittert, aber erstaunlicherweise funktionierte es noch. Die Hintergrundbeleuchtung ließ ihn unangenehm aufstoßen, eine neue Welle der Übelkeit drohte, über ihn hereinzubrechen. Aber davon konnte er sich nicht aufhalten lassen.
In seinen Kontakten fand er schließlich den Gesuchten. Mit ein bisschen Glück konnte er auf das Angebot zurückgreifen. Das würde später vieles leichter machen.
Sein Herzschlag beschleunigte, als das Freizeichen ertönte.
»Hey Mann, was gibt es?«
»Paul? Ich wollte fragen, ob die Stelle noch frei ist.«
»Oh. Hast du es dir überlegt? Du klingst so seltsam, alles okay?«
»Ja. Nein. Ich … ich will neu anfangen.«
»Okay … Deine Familie?«
»… kann man so sagen … Also ist die Stelle noch frei?«
»Ja, ist sie! O Mann, wenn ich das dem Boss erzähle, freut er sich wie blöd. Wann kannst du anfangen?«
»Ich … ich weiß nicht …« Er sah nun doch an sich herunter. Seine Klamotten waren verdreckt, zerrissen und mit allen möglichen Körperflüssigkeiten benetzt worden. Und sie waren ein Spiegelbild seines körperlichen Zustands. »Ich muss vorher noch ein paar Dinge klären. Aber ich würde heute noch losfahren. Weißt du, wo ich schlafen kann?«
Einen Moment herrschte am anderen Ende der Leitung Stille. »Tilly? Ist wirklich alles in Ordnung? Was ist passiert?«
Er kämpfte seine Tränen zurück. Das war nicht der Moment, in dem er emotional werden durfte. Es gab Wichtigeres zu tun. »Das ist jetzt nicht so wichtig. Ich muss aber heute noch raus hier.«
»Okay … okay, das bekommen wir schon hin. Hast du schon gepackt?«
»Nein, noch nicht.«
»Dann tu das. Ich fahre in der Zwischenzeit los und hole dich dann ab. Den Rest regeln wir unterwegs.«
Das ging nicht! Er konnte ihn nicht in diesem Zustand sehen. Er würde Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte. Jedenfalls nicht, wenn er sich die Chance auf ein Leben in Frieden erhalten wollte. »Paul, das ist keine gute –«
»Doch, ist es. Pack, was du packen musst! Ich brauche ein paar Stunden, aber ich beeile mich. Versprochen!«
»’kay.« Seine Stimme brach. Er hatte keine Kraft für eine Diskussion und vermutlich war es die vernünftigste Sache, sich von Paul abholen zu lassen. Er musste ihm vielleicht auch keine Details erzählen. Seine Eltern hatten damals eindrucksvoll bewiesen, was sie zu tun bereit waren, wenn er sich außerhalb ihres Weltbilds bewegte. Paul würde ihn nicht drängen. Hoffentlich.
»Okay. Ich bin schon am Auto. Bist du zuhause?«
»Ja.«
»Gut, dann bis später. Und Tilly?«
»Hm?«
»Wir schaffen das!«
Das Gespräch war beendet und er wusste nicht, ob er erleichtert sein oder panisch werden sollte.
Es entsprach zwar nicht seinem Plan, eine andere Person mit einzubeziehen, weil die Gefahr der Entdeckung zu groß war, andererseits war Paul die einzige Person, der er zutraute, ihn nicht einfach so hängenzulassen.
Er sah sich um, nahm den Anblick seiner Wohnung, seines ersten richtigen Zuhauses noch einmal in sich auf. Dann drehte er sich um, ging langsam ins Schlafzimmer und holte den großen Reisekoffer. Direkt daneben lag ein sorgfältig gepackter Stapel mit den wichtigsten Dokumenten.
Ein paar Anziehsachen, damit er die ersten Tage über die Runden kam, seine wichtigste Technik, die Urkunde – all das fand nach und nach im Koffer seinen Platz.
Nachdem er damit fertig war, nahm er sich ein frisches Handtuch und ging ins Bad. Seine Klamotten loszuwerden, gestaltete sich schwierig. Seine Bewegungen waren durch die Schmerzen limitiert, das Atmen fiel ihm immer noch schwer.
Schließlich hatte er sich herausgekämpft. Das Blut auf seinem Körper ignorierte er tapfer und stieg in die Dusche. Das Wasser brannte auf seiner Haut, aber da musste er durch. Er konnte nicht in diesem Zustand bleiben.
Vorsichtig spülte er allen Dreck herunter. Mit dem Duschkopf reinigte er, so gut es ging, seinen Rücken. Das Blut zwischen seinen Beinen war getrocknet, was ihn hoffen ließ, nicht in ein Krankenhaus zu müssen. Wobei Paul, wenn er ihn sah, wahrscheinlich auch so darauf bestehen würde.
Doch im Augenblick wäre es eine Verzögerung gewesen, die er sich nicht leisten konnte. Eine, die unter Umständen tödlich war.
Er trocknete sich vorsichtig ab, ging zurück in die Küche, um ein paar der größeren Verletzungen zu versorgen, und zog sich dann wieder an.
Er fühlte sich nicht gut. Die Schmerzen waren nach wie vor kaum zu ertragen, wenngleich der irrsinnige Kopfschmerz etwas nachgelassen hatte. Doch er fühlte sich besser. Die Erniedrigung schmeckte nicht mehr ganz so bitter, jetzt, wo er sie sich vom Körper gewaschen hatte. Womöglich gab es doch eine Zukunft. Er konnte sie wieder deutlicher sehen.
Noch einmal ging er durch die Wohnung, packte ein paar weitere Habseligkeiten ein und nahm innerlich Abschied. Den PC wollte er auch mitnehmen, doch tragen konnte er ihn nicht. Vielleicht würde sich Paul darum kümmern können.
Er ließ sich vorsichtig auf das Sofa sinken, nur um sich gleich darauf auf den Bauch zu drehen. Jetzt hieß es warten. Und hoffen. Darauf, dass sie nicht so schnell zurückkommen würden. Dass sie dachten, ihn erledigt zu haben. Dass er es nicht schaffen würde, sich selbst zu retten.
Auf einen Adrenalinschub konnte er nicht mehr hoffen. Er war ausgebrannt und wollte nur noch schlafen. Langsam dämmerte er weg, träumte von einem grünen Garten, der von einer dunklen und bedrohlichen Hecke umzingelt wurde. Träumte, dass er um das Grün kämpfte, um die Blumen und den Frieden.
Bis es klingelte.

Veröffentlichungstermin: vorraussichtlich Ende September

Romantische Komödie

Ich kann mich heute kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Mein Chef brüllt auch schon rum und meine Kollegen sind genervt.
Doch in meinem Kopf ist nur noch dieses Los, das mir angeblich eine Traumreise bescheren wird. Natürlich behalte ich das für mich. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass man niemals aussprechen sollte, was einem noch Gutes widerfahren wird. Denn das ist ein sicherer Garant dafür, dass diese Sache nie eintreten wird. Allerdings behauptet nun auch mein E-Mail-Postfach, dass ich gewonnen habe. Ich habe tatsächlich eine seriös aussehende Nachricht bekommen.
Schließlich kann ich nach einem langen und tumben Arbeitstag wieder nach Hause. Und ja, dort liegt es immer noch. Das Los. Ich werde es hüten wie ein Schatz, denn in der Gewinnbenachrichtigung stand, dass ich es unbedingt vorzeigen muss, damit die Echtheit bestätigt werden kann. Eigentlich logisch.

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Nun muss ich es nur an einen Ort legen, wo ich es auch wiederfinde. Also tatsächlich wiederfinde und es nicht die nächsten einhundert Jahre verschollen bleibt. Und ich darf nicht vergessen, zurückzuschreiben, wie ich in den nächsten Tagen zu erreichen bin.
Mann, das ist schon jetzt alles richtig aufregend. Am liebsten würde ich jetzt schon meine Tasche packen. Habe ich überhaupt eine Badehose? Verdammt, nachträglich kaufen ist eigentlich gerade auch nicht drin. Ich gehe zum Schrank und finde tatsächlich noch eine … recht altersschwache Badehose mit mittellangen Hosenbeinen.
Hat das Gummi schon immer geknirscht, wenn ich am Bund gezogen habe? Na egal, immerhin hat das Ding auch was zum Zuschnüren, damit sollten alle vor meinem nackten Arsch in Sicherheit sein.
Ich kichere über diesen albernen Gedanken und schaue mir den Rest meines Kleiderschranks an. Dann lese ich mir erneut die E-Mail durch. Sage und schreibe zwei Wochen soll das gehen. Das ist einfach alles unglaublich. Und es passt sogar gut, denn nach Weihnachten habe ich meinen Jahresurlaub, der in einen der Zeiträume fällt, der als mögliche Reisezeit angegeben worden ist.
Sollte einmal wirklich etwas für mich zusammenlaufen? Ich will mich echt freuen, doch ein kleiner Restzweifel bleibt, der mich bremst. Ich mag es einfach nicht, mich bedenkenlos zu freuen, um dann wieder enttäuscht zu werden. So naiv ich manchmal noch bin, in dieser Angelegenheit bin ich Realist.
Und da nagt auch immer noch ein unangenehmer Gedanke an mir. Der Mann an der Kasse.
Der hat auch echt gestresst ausgesehen und könnte vielleicht auch den Urlaub gebrauchen. Klar, der kann ihn sich sicherlich auch selbst leisten, aber manchmal braucht man einen Stupser von außen, um zu sehen, dass man eine Auszeit braucht. Und nur, weil er Geld zu haben scheint, sollte ich nicht davon ausgehen, dass er diese Reise nicht auch verdient hätte. Gut, er hat das Los abgelehnt, aber wer erwartet bei so etwas schon auch, zu gewinnen? Ich ganz sicher nicht, nur ein Moment voll von grenzenlosem Optimismus hat mich dazu gebracht, nach dem Los zu fragen.
Ich bemerke, wie ich inzwischen im Flur auf und ab laufe wie so ein alter Denker. Aber nachdenken muss ich wirklich. Und … eine Lösung wäre doch recht naheliegend. Es mag vielleicht sein Los gewesen sein, aber ich habe die Reise gesichert. Eine Reise, die es zwei Personen ermöglicht, Urlaub zu machen. Das ist es doch!
Ich könnte versuchen, ihn ausfindig zu machen, und dann fragen, ob er mitkommen möchte.
Hm, so zu Ende gedacht, klingt das jetzt gruselig, aber der Zweck heilt doch bekanntlich die Mittel, oder? Ich will ihm ja nur etwas Gutes tun.
Ich verschlucke mich fast an meiner eigenen Spucke, als ich mir vorstelle, wie ich diesem Mann gegenübertrete.
Hallo, ich bin der Lennard, fahr mit mir in den Urlaub, Süßer.
Ja, nein, so ganz sauber ist das wirklich nicht. Andererseits … was habe ich schon zu verlieren? Wenn er nicht will und mich für einen verrückten Spinner hält, brauche ich kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Und wenn er zustimmt, nun, dann fahre ich mit einem heißen Kerl in den Urlaub und kann mir schöne Fantasien machen.
Das größte Problem ist damit trotzdem noch nicht gelöst, denn ich muss ihn so oder so erst einmal finden. Er sah auch nicht gerade danach aus, dass er häufiger dort einkaufen gehen würde. Eher so, als hätte er schnell noch etwas Vergessenes für eine Firmenweihnachtsfeier organisiert und nicht, als würde er regelmäßig dort auftauchen.
Andererseits scheine ich gerade etwas wie eine Glückssträhne zu haben. Es kann nicht schaden, es diese Woche zur selben Zeit zu versuchen. Am besten an mehreren Tagen. Und wenn er dort spontan für eine Firma eingekauft hat, könnte die zumindest in der näheren Umgebung liegen. Nachzusehen, ob diese eine Internetseite haben, auf der sie Mitarbeiter vorstellen, sollte auch nicht so schwer sein.
Mit frischem Mut will ich mich gerade ans Werk machen, als mein Blick noch einmal auf das Los fällt. Ich nehme es ganz vorsichtig hoch und stelle es auf ein Regal neben meine Lieblingspflanze. Hier sollte ich es auf jeden Fall wiederfinden. Vielleicht lege ich es morgen aber besser ins Portmonee, meinen Ausweis habe ich schließlich auch noch nie verloren.

Veröffentlichungstermin: Voraussichtlich Ende November