Leseprobe: Traumlos

»Er konnte sich noch ganz genau erinnern. Drei Monate waren vergangen und trotzdem war ihm dieser spezielle Tag genauso nahe wie der gestrige. Die Befragung durch die Polizei, seine Angst und die Wut, weil er ohne Auskunft gehen musste. All das hatte er vor Augen, während die Welt um ihn herum hinter seinen Tränen verschwamm.
Mark war kein gläubiger Mensch, aber damals hatte er zu allem gebetet, was ihm in den Sinn gekommen waren. Er war sich sicher gewesen, nichts ausgelassen zu haben. Er hatte für ihn gebetet und auch für sich selbst. Für Toms körperliche und seine eigene geistige Gesundheit. In seiner Machtlosigkeit wollte er ganz sichergehen, alles getan zu haben, was möglich war.
Und trotzdem lag er nun hier. Verheult und seit Tagen nicht gewaschen. Wenn er keinen Urlaub gehabt hätte, wäre zu der Aufzählung inzwischen auch arbeitslos hinzugekommen. Es beunruhigte ihn nur am Rande, dass ihm dieser Gedanke nicht einmal unangenehm war. Ohnehin schien alles egal zu sein. Seit drei Tagen stand die Zeit für ihn still. Nichts war wichtiger oder präsenter als sein Verlust und der allumfassende Schmerz, den dieser auslöste.
Neue Tränen rannen über Marks Gesicht. Wenn das so weiterging, musste er wohl doch ein neues T-Shirt anziehen, immerhin war es nun von Rotz und Tränen nassgeheult. Nicht sprichwörtlich, sondern tatsächlich.
Nass. Seine Sachen waren auch ganz nass gewesen. Toms. Nass und steif gefroren, genau wie der Mann selbst. Er wusste, dass es ein Fehler war, die Dezembernacht jetzt noch einmal zu durchleben, aber ihm war, als könnte er Tom nur so noch einen Moment festhalten. Ihn einen Augenblick länger wahr sein lassen. Denn er würde nie wieder wahr sein.
Es schüttelte Mark und plötzlich war ihm speiübel. Er sprang vom Sofa auf und rannte ins Bad. Weil sich die Badtür durch den Stapel liegen gebliebener Wäsche nicht einfach öffnen ließ, rammte er sich die Klinke in die Rippen, ehe er es gerade noch bis zum Waschbecken schaffte. Alles, was er die letzten Tage angesamme