Leseprobe: Der gläserne Regent

Zaynar lief zum großen Fenster, das selbst kurz vor dem Sonnenuntergang noch viel Licht spendete. Vorsichtig berührte er mit seinen Fingerspitzen das Glas, von dem er bereits festgestellt hatte, dass es aus dem Material bestand, um das sie hier vermeintlich verhandelten. Und obwohl es so selbstverständlich überall im Schloss Vescar zu finden war, es war überall fest verbaut. Nicht ein einziges Stück ließ sich hier herausschaffen, außer natürlich, man bekam es in die Hand gedrückt. Doch dazu war offenbar niemand bereit.
»Du hörst mir nicht zu!«, sagte Keno wütend und stand auf einmal neben ihm.
»Verzeih, ich war in Gedanken.«
Keno musterte ihn prüfend. »Das bist du in letzter Zeit häufig, mein Liebster«, sagte er leise und fuhr dann mit seinem Fingerrücken über Zaynars Wange. »Sag bloß, du bekommst kalte Füße.«
»Selbstverständlich nicht«, antwortete er pflichtschuldig und trat zurück, damit Keno ihn nicht länger berührte. »Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir Erfolg haben werden. Jedenfalls nicht so, wie wir es erreichen sollen.«
»Zweifelst du an deinem Geschick?«
»Nein, eher an der Entschlossenheit des Regenten.«
Keno schnaubte abfällig und lief zu dem auffällig verzierten Sofa, um sich darauf fallenzulassen. »Acrain wird schon noch erkennen, dass er mit dem Dunkelglas den leichteren Handel haben wird. Es tut denen hier nicht einmal weh, warum er sich so anstellen muss …«
Warum er das tat, hatte er klar ausgedrückt, doch vermutlich waren das keine Gründe, die Keno wichtig waren. Zaynar jedoch konnte Acrain verstehen. Zumal er sich trotz der prekären Lage in einer immer noch besseren Position als Vuscar befand. Wieder gingen ihm seine Worte durch den Kopf.
Verlangt ihr nur Dunkelglas, werdet ihr nur über Euren eigenen Untergang verhandeln.
Acrain hatte recht. Wie sehr, konnte dieser unmöglich wissen, doch er lag mit seiner Einschätzung so nahe an der Wahrheit, dass es Zaynar Angst machte. »Werden wir über den Wissensaustausch weiterverhandeln?«
Keno warf ihm einen geringschätzigen Blick zu. »Wir verhandeln, was immer uns voranbringt. Du kennst das Ziel. Soll Acrain denken, dass er uns überzeugt hat, der Punkt wird kommen, an dem wir das Dunkelglas fordern können.«
Das bezweifelte Zaynar sehr, doch er wollte sich nicht streiten und beließ es dabei. »Hast du einen Plan für morgen?«
»Wir halten uns an unsere Vorgaben, bis wir weitere Nachricht bekommen. Ubror erwartet, dass wir ihm nach der Wochenwende ein erstes Ergebnis vorzeigen können.«
Zaynar gab sich Mühe, nicht allzu offensichtlich zu schlucken. Wenn Ergebnis nur ein anderes Wort für Dunkelglas war, konnte er sich schon vorstellen, was für eine Art Antwort er bekommen würde. »Derart schnell erwarte ich keine Einigung.«
Keno lachte auf. »Solltest du aber. Hast du nicht einen Ruf zu verteidigen? Dein Vater meinte doch irgendwann einmal, dass du gut seist. Oder war er schon umnachtet, als er das gesagt hat?«
Mit beinahe unmenschlicher Willensanstrengung vermied es Zaynar, seine Fäuste zu ballen und auf Keno einzuprügeln. Es war schlimm genug, dass der Geist seines Vaters zerrüttet war, da musste nicht noch so eine Figur Witze über ihn reißen.
»Na, na.« Keno stand auf und trat wieder an ihn heran. Natürlich musste er ihn weiter reizen. »Du wirst mir doch meinen kleinen Spaß nicht übelnehmen, oder?«
»Ich würde bevorzugen, keine weiteren Späße zu hören«, zwang sich Zaynar zu sagen und dabei ruhig zu klingen.
»Sonst?«
»Es ist doch euer Wunsch, dass ich meine besten Bemühungen in diese Verhandlungen stecke. Meinen Vater ständig zu erwähnen, kann wohl kaum hilfreich dabei sein.« Er hasste es, sich so reden zu hören, doch was blieb ihm anderes übrig?
Keno verdrehte die Augen und wandte sich ab, nahm sich ein paar Trauben aus der Obstschale und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder. »Deine Gesellschaft ist ermüdend, Zaynar.«
»Ich danke für das Kompliment«, gab er zurück und klang bissiger als beabsichtigt.
Doch Keno schien ausnahmsweise belustigt darüber und steckte sich widerlich anzüglich eine Traube in den Mund.
Um sich das nicht weiter ansehen zu müssen, ging Zaynar zu einem der kleineren Räume, die wohl für die Bediensteten gedacht waren. Doch in die Schlafstube, in der Keno sich niedergelassen hatte, würden ihn keine zwölf Pferde bekommen. Lieber nächtigte er auf diesem kleinen Lager und hatte dafür wenigstens nachts seine Ruhe.
»Zay?«, flüsterte jemand dicht hinter ihm.
Er drehte sich um und erblickte Taavi. Sein Leibwächter war ganz nahe an ihn herangetreten, wohl um Keno nicht auf sie aufmerksam zu machen. »Was ist?«, fragte Zaynar genauso leise und versicherte sich mit einem Blick zur Tür, dass sie noch immer allein waren.
»Hast du über das nachgedacht, was wir besprochen haben?«
Zaynar schloss kurz die Augen und atmete tief durch. »Es wird nicht gehen.«
»Aber warum? So kann es doch nicht weitergehen, wir müssen eine Lösung finden und –«
Er legte einen Finger auf seine Lippen, um Taavi zum Schweigen zu bringen. »Ich muss mich an den Plan halten. Ich weiß, ich weiß, aber wir haben nichts erreicht, wenn wir voreilig handeln. Und wir können hier niemandem vertrauen.«
Noch bevor Taavi antworten konnte, rief ihn Keno zu sich. »Leibwächter! Besorg mir noch was von diesem Wein.«

Noa Liàn