Leseprobe: Der erste Wächter

Wie lange Seymon vorher am Stück gelaufen war? Die Stipulî, die magisch vereinbarten Rechte und Pflichten, an die sie alle gebunden waren, hatten vorgesehen, dass er elf Tagwenden barfuß laufen sollte. Nur kurze Rastpausen waren Seymon dafür zugestanden worden. Die Fußsohlen waren mit Sicherheit lange blutig. Schmerzen hatte Jahmez in dem Gesicht nicht ablesen können, diese Fehltritte sprachen jedoch für sich. Ein paar Meilen wollte Jahmez eigentlich noch hinter sich bringen. Die drei Tagwenden, die sie außerhalb der Landesgrenze und im Nutrâl Greûn verbringen mussten, würden heikel genug werden. Verzögerungen konnten sie sich nicht leisten.
Er sah sich um. Die Bäume um sie herum standen jetzt dichter, links von ihnen bot das Grüne Gebirge Schutz. Er erinnerte sich, dass das Gelände voraus wieder offener wurde. Es konnte sich am Ende als hilfreich erweisen, an dieser Stelle zu nächtigen. Die Mulden im Gebirge boten einen nicht zu vernachlässigenden Schutz und der Wald wurde an dieser Stelle noch von Aswing Xaglos Leuten bewacht. Und dessen Reich stand Vastar immerhin nicht feindschaftlich gegenüber.
Es beunruhigte ihn dazu nicht wenig, dass sie einigen Wanderern begegnet waren. Oder Personen, die wie solche erscheinen wollten. So neutral, wie der Name der Gegend vermuten ließ, war sie nicht – und das war allgemein bekannt. Wer nicht dringende Geschäfte zu erledigen hatte, hielt sich hier nicht auf. Darüber hinaus blies ein unangenehmer Wind. Jahmez vermutete, dass der Wechsel zwischen der dritten und vierten Jahreszeit dieses Mal turbulenter sein würde. Er sah also keinen Grund, der diese Menschen erklären konnte. Keinen guten jedenfalls. Schutz vor Wetter und Leuten zu suchen, konnte alles in allem notwendig sein. Wenigstens konnte er die Enge besser von seinen Leuten bewachen lassen.
Seymon stolperte erneut.

»Wir machen eine Pause«, rief Jahmez zu den Männern vor ihm. Am Ende war er einfach selbst zu egoistisch. Er wollte nicht, dass dieser Weg Seymons Kräfte raubte. Jahmez wollte, dass er derjenige war, der das verursachte – und es sollte um keinen Preis vorschnell enden.
Nach und nach kamen alle zum Stehen und die Träger begannen, ein provisorisches Lager aufzubauen. Seine Hauptsorge betraf aber seinen Gast. »Ich übernehme, geh dich stärken.«
»Danke, Emincé«, sagte Balog und überließ ihm das Seil, welches er als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme an Seymon befestigt hatte.

»Gibt es einen Grund für die frühe Rast, mî Suzeriâ?« Ein kurzes Luftholen, das von leichter Atemlosigkeit zeugen konnte. »Ich nahm an, wir würden bis zur Mondwende weitergehen. So hat man es mir gesagt.«

Jahmez schwieg und überlegte, ob er antworten sollte. Er hatte nicht vorgehabt, sich viel mit Seymon zu unterhalten. Er war verpflichtet, sich zusammenzureißen, bis sie wieder in Vescar waren. Aber wenn ihn dieser Mann in Gespräche verwickelte, konnte er für nichts garantieren.
Er schluckte. Seymon sah ihn indes nicht direkt an, sein Kopf war leicht gesenkt, der Blick auf den Boden eine Wenigkeit rechts von ihm gerichtet. Fast teilnahmslos. Es bestand trotzdem kein Zweifel daran, dass er auf eine Antwort wartete. Er forderte sie jedoch nicht ein.
»Barmherzigkeit ist es nicht, falls du das vermutet haben solltest. Oder gehofft. Und meine Entscheidungen stehen nicht zur Diskussion.«

Seymon blickte auf, wirkte überrascht. »Das nahm ich nicht an, nein. Verzeiht die Nachfrage, mî Suzeriâ.«

Jahmez ignorierte ihn und zog ihn stattdessen zu einem Felsstück, in welches zuvor Sicherungshaken eingeschlagen worden waren. »Setz dich hin.« Seymon tat, was er ihm befahl und ließ sich in einer nicht ganz flüssigen Bewegung auf die Erde sinken. »Ich warne dich ein einziges Mal, versuchst du zu fliehen, wird das nur zur Folge haben, dass dein Leiden am Ende verlängert wird. Verstanden?«

»Ich habe nicht vor, zu fliehen, mî Suzeriâ.«

»Ich habe gefragt, ob du mich verstanden hast.«

Seymon sah wieder auf und dieses Mal direkt in Jahmez’ Augen. Verwirrung spiegelte sich in dessen Miene wider. Vielleicht auch etwas anderes. »Ich habe Euch verstanden.« Er zögerte kurz. »Ich sicherte Euch zu, dass ich meinem Namen keine Schande bereiten werde. Flucht wäre ein Akt der Feigheit. Ich bin ein Mörder, ein Feind. Aber kein Feigling.«

Nein, das war er wohl nicht, das musste auch Jahmez zugeben. Auch, dass er sich in einer vergleichbaren Situation wahrscheinlich nicht selbst ausgeliefert hätte.
Das Türkis in Seymons Augenfarbe schien sich zu intensivieren. Der Ausdruck in ihnen war jetzt unlesbar. War es das, was sein Bruder zuletzt gesehen hatte? Kalte Augen, die den Tod versprachen?

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