Leseprobe: Das Los seines Lebens

Ich nehme mir erst ein Toast, bestreiche es mutig dick mit Butter und lege ganz verwegen noch eine Salamischeibe oben drauf. Dann greife ich nach dem Stapel und gehe in meinen Schlafwohnraum.
Ich beiße in den Toast, lege ihn dann aber hastig beiseite. Jetzt will ich doch wissen, ob ich vielleicht einmal in meinem Leben Glück habe. Ich öffne die Lose vorsichtig an der Perforierung und – sehe nicht viel. Bis auf ein graues Feld, unter dem ich die Gewinnmitteilung vermute. Oder die Niete. Ich zucke mit den Schultern. Zu verlieren habe ich nichts. Mit meinen ohnehin kaputten Fingernägeln rubble ich die Felder frei. Und, wow, ich habe Glück. Beim nächsten Einkauf kann ich mit einem Los einen Euro sparen! Und ein weiteres Los gewährt mir Rabatt auf eine bestimmte Jogurtmarke. Das passt doch ganz gut zusammen und ich kann mir mal eine Kleinigkeit gönnen. Der Rest der Lose enthält nur eine lange Reihe an Zahlen, die ich auf einer Internetseite eingeben soll.
Es dauert eine Weile, bis der Laptop hochgefahren ist, und eine noch längere, bis ich mich auf dieser seltsamen Internetseite zurechtgefunden habe. Dann tippe ich die Codes ein und meine E-Mail-Adresse, die demnächst wahrscheinlich unter einer Flutwelle unnützer Werbung verschwinden wird, und füge meine persönlichen Daten hinzu.
Die Seite behauptet nun, dass am Ende der Woche ausgelost wird. Das wären noch etwas mehr als achtundvierzig Stunden. Aber gut, es ist nicht so, dass ich erwarte, ab morgen in einer Luxusvilla zu wohnen. Es sind nur alberne Lose einer Supermarktkette, um die Leute in den Laden zu locken. Und in meinem Leben kann ich nun echt nicht behaupten, besonders viel Glück gehabt zu haben.
Da fällt mir ein, dass ich wieder meine Mutter besuchen sollte. Schon allein, um sicherzustellen, dass sie nicht doch einen Weg gefunden hat, neue Rechnungen anzuhäufen.
Und plötzlich ist da doch der Wunsch, dass es wenigstens einmal in meinem Leben zu etwas Gutem reichen könnte. Manchmal bin ich einfach nur so müde von all den Sorgen, dass ich wirklich gern in den Urlaub fahren würde. Selbst wenn danach alles wieder beim Alten wäre mit genau denselben Problemen – ich denke, ich hätte wieder etwas mehr Kraft, mich dem Ganzen zu stellen. Eine naive Idee, aber wer hat behauptet, dass träumen nicht erlaubt sei?
***
Der Sonntag kommt und bevor ich ganz weiß, was ich tue, brühe ich mir zur Feier des Tages einen schwarzen Tee. Zur Verlosung möchte ich ja schließlich wach sein. An meinen Arbeitstag wird mich mein Wecker schon erfolgreich erinnern.
Die Minuten bis Mitternacht vergehen unfassbar langsam und wenn ich mir noch ein paarmal übers Gesicht streiche, habe ich bestimmt bald Hängebacken.
Der Countdown auf dem Bildschirm stimmt tatsächlich mit der richtigen Uhrzeit überein, für einen kurzen Moment hatte ich Angst, dass sich mein Laptop vielleicht wieder aufgehangen hat und im Schneckentempo zählt.
»Komm schon, mach schneller!« Zum Glück kann Einstein mich nicht mehr hören, der würde mir was husten, wenn er mich so über Zeit reden hören würde.
Endlich, die letzte Minute ist angebrochen. Laut zähle ich herunter, als gäbe es in meinem Leben nichts Besseres zu tun. Na gut, so weit ist das nicht mal von der Wahrheit weg.
Nur noch zehn Sekunden … sieben … fünf … eine …
Auf der Seite erscheint plötzlich ein Ladebalken, der sich noch langsamer zu füllen scheint, als der Countdown gerade heruntergezählt hat.
Und dann erscheint plötzlich wieder ein langer Code, der das Gewinnerlos darstellen soll.
›Der Gewinner für die Traumreise zu zweit wird per E-Mail informiert.‹
Doch ich brauche mir gar nicht erst die Mühe zu machen, mein Handy zu holen und meine Mails abzurufen. Ich mag meine Schwächen haben, doch mit Zahlenreihenfolgen bin ich ganz gut. Und diese hier kommt mir sehr vertraut vor.
Einige Minuten sitze ich nur so da und registriere kaum, dass mir der Mund offen steht. Erst, als etwas mein Kinn herunterläuft und ich merke, dass ich mich gerade vollsabbere, schließe ich ihn wieder und wische mir mit dem Ärmel über den Mund.
Heiliger Bimbam. Das ist meine Losnummer. Jedenfalls eine davon. Mit zittrigen Fingern greife ich nach den Zetteln und suche das richtige Los. Da ist es! Ich gleiche die Zahlen vorsichtshalber noch einmal ab. Mit jeder weiteren erwarte ich schon, dass eine Ziffer doch abweicht. Doch nein, auch, nachdem ich sie viermal abgeglichen habe, bleibt die Nummer auf meinem Los dieselbe wie die auf dem Bildschirm.
Ich stehe auf. Und setze mich wieder hin. Nur um wieder aufzustehen und drei Schritte vor dem Sofa hin und herzulaufen. Und mich dann wieder hinzusetzen.
Kann das wahr sein? Jetzt bereue ich, mir schwarzen Tee gemacht zu haben, mein Herz legt gerade einen Spurt ein, den es vorher noch nie zustande gebracht hat.
Ich lache hysterisch auf. Das wär’s jetzt. Traumreise gewinnen und gleich danach einen Herzinfarkt bekommen.

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