Leseprobe: Die einsame Lust nach vielen

Meine Entscheidung steht fest.
Noch einmal atme ich tief durch, greife dann nach meiner Tasche und hole die Maske heraus, ziehe sie mir über und überprüfe den Sitz im Rückspiegel. Schön sieht sie nicht aus, aber sie passt gut. Schnell schließe ich die Tasche wieder und steige endlich aus.
Hoffentlich erwartet mich Janus wie besprochen an der Hintertür. Er ist der Einzige hier, mit dem ich mich unterhalte. Also tatsächlich unterhalte, nicht nur eine Begrüßung oder Verabschiedung teile. Und er ist der Einzige, der mein Gesicht kennt. Am liebsten hätte ich das vermieden, aber ich kann verstehen, warum wir wenigstens am Anfang ein paar Gespräche ohne Maske führen mussten. Und nach besonders intensiven Treffen war es auch schon hilfreich, mich danach von ihm etwas umsorgen zu lassen.
Ich weiß, dass er immer ein besonderes Auge auf mich hat, da ich allein komme und niemanden habe, der mich danach mitnimmt, wie es bei so vielen hier der Fall ist. Mich danach unten an die Bar zu begeben und dort noch mit Maske entspannen, kommt ebenfalls nicht infrage. Je weniger Kontakt ich zu anderen habe, desto besser. Zumindest wenn es um die Möglichkeit geht, dass ich in Gespräche verwickelt werde. Ansonsten mag ich viele Kontakte ja durchaus. Doch bei denen geht es mir um etwas ganz anderes.
Erleichtert stoße ich meine angehaltene Luft aus, als ich Janus’ Silhouette an der Tür erkenne. Der Wachmann ist zum Glück gerade nirgends zu sehen.
Als ich näherkomme, sehe ich auf Janus’ Gesicht ein schwaches Lächeln. Es ist so distanziert wie er selbst. Freundlich, aber unnahbar. »Willkommen«, sagt er leise und seine Stimme lockt mich genauso wie das Anwesen selbst. Sein Anzug mit dem Einstecktuch sitzt wie immer akkurat, keine Falte wagt es, den Anblick zu ruinieren.
»Guten Abend«, sage ich zögerlich. Auch wenn ich ihm vertraue, bin ich mir hier draußen zu unsicher, um mehr zu sagen.
Er nickt und winkt mich dann herein, führt mich gleich die hintere Treppe herauf, über die wir zu den oberen Räumen gelangen. In diesen findet alles statt, was etwas Ausgefallener ist. Dass diese Räume, wenn sie nicht von den Mitarbeitern selbst beaufsichtigt werden, alle videoüberwacht sind, hat mich am Anfang erst recht verunsichert. Doch Janus hat sie mir alle gezeigt und mich darauf hingewiesen, dass sie dem Schutz der Leute dienen.
Ich weiß, dass meine Wünsche außerhalb der Norm der meisten liegen, doch was hier sonst noch möglich ist, übersteigt auch meine Vorstellungen. Es ergibt schon Sinn, besondere Vorsicht walten zu lassen. Dann kommt auch keiner auf die Idee, über die Stränge zu schlagen. Und von Janus weiß ich auch, dass die Aufzeichnungen nach ereignislosen Nächten wieder gelöscht werden. Wenn ich mich richtig erinnere, wird das Material nach drei Tagen überschrieben. Bis dahin kann man sich an jeden Mitarbeiter wenden und angeben, dass etwas Ungewolltes geschehen ist. Aber ob das schon einmal der Fall gewesen war, das wollte mir Janus nicht erzählen. Aber gut, so ein Ort hat auch einen Ruf zu verlieren. Eigentlich ist es logisch, dass er sich mit Informationen zurückhält, aus einer kleinen Geschichte werden schnell die wildesten Gerüchte. Und die Privatsphäre will auch gewahrt bleiben. Wer wüsste das besser als ich? Selbst wenn mal etwas schief gehen sollte, würde ich nicht wollen, dass meine Geschichte als neuester Klatsch über die Flure getratscht wird.
Oben angelangt bringt mich Janus in sein zweites Büro. Unten hat er auch noch eins, in dem ich damals lange mit ihm geredet habe, aber das hier ist schlichter, eher dafür gedacht, dass er sich selbst schnell frisch machen und umziehen kann. Mir erlaubt er, genau das hier zu tun, anstatt in einem der vielen anderen Räume. Eigentlich ist es seltsam, dass mir dieser Umstand so viel Sicherheit gibt, denn schließlich bin ich lieber allein. Aber unsere kurzen Gespräche davor beruhigen mich mehr, als ich es allein könnte.
Als ich mir gerade den Mantel ausziehe und auf sein Sofa werfe, um auch Pullover und Shirt loszuwerden, spüre ich seinen Blick in meinem Nacken. »Du hast abgenommen«, stellt er fest und ich drehe mich zu ihm, sehe noch, wie er mich mustert, bevor er in meine Augen sieht.
»Ja«, antworte ich schlicht. Nachdem ich mit dem Boxen aufhören musste, habe ich nur Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Durch den vielen Stress zurzeit ist mir mein Appetit jedoch gänzlich vergangen. Dafür wird bald schon wieder eine Phase kommen, in der ich mich überfresse und in der ich rasant zunehme, obwohl ich mich bemühe, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. Gesundes Essverhalten habe ich nie gelernt, während meiner aktiven Sportzeit war es am schlimmsten. Jetzt auf mein Gewicht angesprochen zu werden, ist daher unangenehm.
»Fühlst du dich fit?«, fragt Janus, während ich mich schon wieder abgewendet und weiter umgezogen habe.
»Ja, alles okay.« Ich weiß, er muss das fragen, aber mir wäre lieber, er würde irgendetwas anderes sagen. Allerdings geht mir auf, warum er heute nachhakt. Wir haben uns einfach zu lange nicht mehr gesehen. Zusammen mit meiner körperlichen Veränderung vermutet er vielleicht irgendwas Seltsames. »Es gab nur viel Stress im Büro, darum konnte ich nicht kommen.« Das stimmt immerhin so halb, das war jedenfalls einer der Gründe, warum ich es vorher kaum hergeschafft hätte.
»Verstehe. Hast du dich selbst ein bisschen vorbereitet? Oder hattest du zwischendurch Kontakt?«
Zum Glück habe ich meine Maske noch auf, so kann er nicht sehen, falls meine Wangen gerade rot anlaufen. Ich weiß, was er meint, aber außerhalb des Anwesens verkehre ich mit niemandem. Nicht einmal mehr mit Franzi. »Ich habe mich vorbereitet«, antworte ich schnell, bevor er noch etwas anderes fragen kann. Auch das stimmt so halb. Als Franzi am Vormittag einkaufen war, habe ich die Dusche genutzt, um es heute Abend leichter zu haben. Allerdings war ich so aufgeregt, dass ich nicht denke, besonders gründlich dabei gewesen zu sein. Einen Dildo zu besitzen, ist als Mann schon peinlich genug.
»Na dann … steht einem gemütlichen Abend nichts mehr im Weg. Möchtest du vorher noch was trinken?«
»Lieber nicht.« So nervös, wie ich jetzt bin, renne ich sonst gleich wieder aufs Klo.
Ich sehe kurz zur Uhr über dem Sofa. Eine Viertelstunde habe ich noch Zeit, bevor die anderen kommen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Janus mir einen von den leichten Hausmänteln reicht, den ich sofort entgegennehme und anziehe. Auch wenn die Maske meine Identität verbirgt, nur mit dem Jock bekleidet möchte ich nicht durch die Flure laufen. Dafür sind sie aktuell auch zu kalt.
»Bist du bereit?«
Ich nicke, unfähig, noch ein weiteres Wort herauszubringen. Aber es wird gleich besser werden, irgendwann schalten mein Kopf und mein Körper einfach in den Autopiloten.
Zusammen gehen wir in einen der großen Gruppenräume. Die Holzwände mit den Löchern geben einen ersten Vorgeschmack auf das, was hier gleich passieren wird. Als Janus mir eine Hand in den Rücken legt und mich zu einer kleinen Tür führt, hinter der sich eine der Kabinen verbirgt, stellt sich endlich Vorfreude ein.
Der Anblick der gepolsterten Bank lässt mich verstohlen seufzen. Als Janus die Tür hinter mir schließt und mir den Mantel von den Schultern streift, spüre ich das erste Mal seit Monaten echte Erregung.
Janus tritt noch näher an mich heran, bringt seinen Kopf nahe an mein Ohr. Seine Körperwärme ist überwältigend. »Leg dich hin«, fordert er und ich zögere nicht mehr, lege mich auf meinen Rücken und rutsche auf der Bank so weit nach vorn, dass ich meine Beine durch das mit Polsterung und Stoff verkleidete Loch in der Holzwand schieben kann. »Bin gleich wieder bei dir.« Janus geht aus der Kabine und nur Augenblicke später hilft er mir, meine Füße durch die Halteschlaufen oben auf der anderen Seite der Wand zu schieben. Als er die Schlaufen festzieht, sodass ich mich nicht mehr befreien kann, streiche ich kurz über meinen Bauch hinunter zu meinem Jock, um ihn zu richten. Ich rutsche noch ein Stück nach vorn, damit mein Hintern besser zu erreichen ist und bequemer aufliegt. Nun bin ich bereit. Für jeden, der mich haben möchte.

Noa Liàn
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